Indien ist mit mehr als 1,4 Milliarden Einwohnern die größte Demokratie und der bevölkerungsreichste Staat der Welt. Und gleichzeitig mit knapp 3,3 Millionen Quadratkilometern das siebtgrößte Land der Erde – also neunmal so groß wie Deutschland. Indiens Landschaften umfassen Wüstengebiete, weite und äußerst fruchtbare Ebenen, wie zum Beispiel die berühmten Teeplantagen im nordindischen Assam und Darjeeling sowie das höchste Gebirge der Erde, den Himalaja.
Obwohl die extreme Armut in den letzten Jahren zurückgegangen ist und Indiens Mittelschicht sowie Wirtschaft gewachsen sind, bleibt die Armut weiterhin allgegenwärtig. So haben immer noch rund zwei Prozent aller Inderinnen und Inder (2017: 17,3%) weniger als 2,15 US-Dollar am Tag zum Leben. Das sind etwa 34,5 Millionen Menschen, also mehr Menschen als in Australien leben.
Verstärkt wird die extreme Armut durch das Kastenwesen, eine von Geburt an festgelegte soziale Hierarchie, die zwar eigentlich schon seit über 75 Jahren verboten ist, aber immer noch in den Köpfen vieler Menschen fortbesteht. Fast alle in Armut lebenden Inderinnen und Inder gehören zu den unteren Kasten, den kastenlosen diskriminierten Dalits oder zu den indigenen Gemeinschaften der Adivasi.
Die Rolle der Frau in der indischen Gesellschaft
Indiens Gesellschaft ist geprägt von traditionellen, patriarchalischen Strukturen und Denkweisen, in denen das weibliche Geschlecht diskriminiert wird. Obwohl laut indischer Verfassung sind Frauen und Männer gleichgestellt sind, wird in weiten Teilen der Bevölkerung das weibliche Geschlecht als zweitklassig angesehen. Mädchen und Frauen werden in allen gesellschaftlichen Bereichen massiv eingeschränkt. Sie haben weniger Rechte und können nicht selbstständig handeln, da sie der Familie oder ihrem Ehemann unterstehen. Diese entscheidet über den Zugang zu medizinischer Versorgung und Bildung, über die Ehe und ob die Frau arbeiten darf. Immer wieder werden sie sexuell belästigt, weil Männer glauben, über ihren Körper entscheiden zu dürfen oder sind großer physischer und/oder psychischer Gewalt ausgesetzt.
Ob eine Frau ein selbstbestimmtes und freies Leben führen kann, hängt jedoch stark von ihrer Religions- und Kastenzugehörigkeit, ihrer sozialen Schicht, ihrem Bildungsgrad und ihrem Umfeld ab. Während das Leben in ländlichen Regionen oft von Armut und einem traditionellen Rollenbild geprägt wird, zeigt sich in den Metropolen und Städten durch eine wachsende Mittelschicht ein zunehmend wandelndes Rollenbild. Frauen der gebildeten Mittel- und Oberschicht können immer öfter ein selbstbestimmtes Leben führen, für große multinationale Konzerne arbeiten oder politische Ämter ausüben.
Rund um die Hochzeit lebt die Tradition
Für viele Mädchen und Frauen erscheint die Ehe als Weg zu mehr Freiheit und Sicherheit. Mit der Hochzeit wird die Braut Teil der Familie des Ehemannes. Immer noch werden in Indien über 90 % aller Ehen arrangiert. Dabei wählen die Familien der Kinder, oft unter Berücksichtigung von Kastenzugehörigkeit, Bildungsgrad und sozialem Status, einen Ehepartner oder eine Ehepartnerin aus. Zusätzlich wird trotz des Verbots von Kinderehen etwa jedes vierte Kind vor der Volljährigkeit verheiratet.
Zusätzlich ist neben den arrangierten Ehen nach wie vor die Mitgift-Praxis weit verbreitet. Mitgift beschreibt dabei Vermögenswerte, welche die Familie der Braut mit in die Ehe bringt. Typischerweise wird die Höhe der Mitgift von den Eltern bei den Vorgesprächen zur Hochzeit ausgehandelt. Oft führt dies dazu, dass sich die Familie der Braut hoch verschuldet. Denn wer eine hohe Mitgift bieten kann, hat bessere Chancen seine Tochter zu verheiraten. Insbesondere für ärmere Familien stellt dies eine erhebliche Belastung dar.
Infolge dessen werden Söhne generell bevorzugt. Denn mit einem Sohn bekommt man als Eltern eine Mitgift, mit einer Tochter müssen die Eltern für die Mitgift aufkommen. Deshalb werden immer wieder weibliche Föten trotz des Verbots abgetrieben, Babys ausgesetzt, Mädchen systematisch vernachlässigt oder gar misshandelt. Immer wieder werden Frauen Opfer schwerer Gewalt bis hin zu Tötungen, weil ihre Mitgift als unzureichend betrachtet wird.
Diese frauenfeindlichen Strukturen haben dazu geführt, dass es in Indien mittlerweile circa 45 Millionen Männer mehr als Frauen gibt. Frauen erfahren täglich, dass Männer glauben, über Sie und ihren Körper entscheiden zu dürfen: Sie werden sexuell belästigt, im Berufsleben und in der Freizeit benachteiligt und sind in den eigenen Familien überwiegend großer physischer und/oder psychischer Gewalt ausgesetzt. Die Heirat mit einem Mann wird oftmals als die einzige Option für Frauen gesehen, ein sicheres Leben zu führen.
Gegen diese frauenfeindlichen Strukturen und geschlechterbasierte Benachteiligung regt sich aber immer wieder Widerstand. Es bilden sich Gruppen von Frauen und teils auch Männern, die diesen Zustand nicht länger dulden und für mehr Rechte für Frauen in Indien kämpfen. Veränderungen werden vor allem für die gut ausgebildete Mittelschicht sichtbar, die durch eigene Jobs ein neues Selbstbewusstsein entwickelt. Für die ärmere Bevölkerung auf dem Land liegen diese Chancen jedoch noch immer in weiter Ferne.

